Past Fiction

Band 2

Weihnarba

 

Buchbeschreibung:

 Einst existierten Einhorn ähnliche Tiere auf unserer Erde. Nicht an diesem Ort und nicht zu dieser Zeit. Zusammengeführt mit den Drachen unserer Vergangenheit und Säbelzahnkatzen, lebten unsere Vorfahren mit ihren Vettern in Feindschaft. Die Fiktion einer Dystopie vor einem wahren Hintergrund.

 

 Die Familiensaga setzt sich fort, in der sich das Schicksal vom kleinen Sabum erfüllt und doch wächst die Familie von Kamil und Arrom. Um sie herum verändert sich das Reich Marbel und die Spaltung droht. Währenddessen kehren Wesen aus einer alten Sage zurück, verbreiten Furcht und Schrecken.

 

 Band Zwei einer Familiensaga über einen Zeitraum von mehr als einer Generation in drei Bänden.

Fünftes Buch

 

Rozdział 4

Die Weihnarba aus der alten Sage

 

»Domso, Domso nicht so schnell«, ruft Nekan, bleibt stehen und schaut zurück. Sie haben die Baumsavanne hinter sich gelassen, das kniehohe gelbe Gras bedeckt fast vollständig die von leichten Hügeln geformte Landschaft. Die zahlreichen Bäume und Büsche stehen verteilt auf den Hügeln und in den Senken. Nekan steht auf einer Anhöhe, erkennt gerade noch in Sichtweite, die folgenden Krieger mit den gefangenen Arbel. Arrom und Mah flankieren mit jeweils drei Kriegern die Hauptgruppe. Nekan wendet sich Domso zu, steht in einiger Entfernung am abfallenden Hang. »Komm zurück, wir warten hier auf die anderen, wir sind viel zu schnell.« Widerwillig kehrt Domso um, die Anhöhe hinauf zu Nekan.

 »Am Himmel habe ich schon Flamingos gesehen«, beginnt Domso, einige Schritte von Nekan entfernt.

 »Ja, wir sind ganz in der Nähe deines Dorfes, aber wir verfolgen niemanden mehr. Wir suchen Spuren und Hinweise, die uns eine Antwort geben.«

 »Ich könnte kurz mein Dorf besuchen und würde sofort zu euch zurückkommen« erwidert Domso.

 »Das wird Leamis dir nicht erlauben, du kennst hier das Land am besten, wir brauchen dich als Führer.«

 »Ich führe euch nicht, wir folgen einer Spur.«

 »Richtig und wenn die Spur nicht mehr zu erkennen ist, wirst du uns den Weg zeigen. Außerdem … «

 »Nekan, Domso wartet. Wir rasten hier«, ruft Leamis, er unterbricht Nekan.

 »Auch, wenn man glaubt, durch Schnelligkeit sein Ziel zu erreichen, so ist doch manchmal der Langsamere, der kürzere Weg.« Leamis schaut auf Nekan und Domso hinab, er sitzen im Schatten einer Akazie. Domso reagiert nicht auf Leamis, lässt stattdessen seinen Blick über die Landschaft streichen.

 »Hier, hier muss es gewesen sein. Hier wurden die Arbel entdeckt«, sagt Domso in Gedanken versunken.

 »Dann finden wir sicherlich bald eine Antwort« ergänzt Leamis, hört Rufe, wendet diesen sein Gesicht zu.

 »Hey, hey hierher!« Leamis erkennt an einigen Bäumen vorbei den mit seinem Speer winkenden Arrom.

 Leamis, Mah, Nekan und Domso starren auf den Boden, daneben hockt Arrom.

 »Seht nur, wie groß und tief die Spuren in den Boden eingedrückt sind, größer als die eines Elefanten und dann noch die Zehen. Eher wie ein Krokodil, aber die Zehen sind größer als mein Oberschenkel und die Abdrücke sind immer paarweise. Sie laufen auf zwei Beinen.« Arrom schaut nach oben in erstaunte Gesichter.  »Und hier!« Arrom schreitet in gebückter Haltung weiter.

 »Noch mehr Spuren, diese sind ein wenig kleiner und flacher. Diese Spuren sind wieder tiefer, am rechten Bein fehlt ein halber von den drei Zehen. Aber es sind immer nur zwei Paar und dort der dicke Ast, er wurde einfach vom Baum abgeknickt.« Arrom deutet auf einen am Boden liegenden beindicken Ast, der am Baum fehlt. Arrom richtet sich an Leamis gewendet auf »was auch immer hier war, es ist sehr groß, stark und bewegt sich auf zwei Beinen.«

 »Bringt die Arbel her«, ruft Leamis zu den Kriegern, die mit den Arbel im Schatten einer Akazie warten. Die vier Krieger bringen die von den Astgabeln befreiten Arbel zu Leamis.

 »Was ist das?« Leamis deutet mit der Hand auf die Spur zwischen dem niedergetrampelten hohen Gras. Beide Arbel verharren regungslos mit ihrem Blick auf den Spuren. Die Heranwachsende fällt auf die Knie, versucht mit ihrem Kopf die Spur zu verwischen.

 »Nuck, Nuck, Nuck, Nuck«, murmelt sie. Leamis stößt die Heranwachsende mit einem Fußtritt zur Seite.

 »Was ist das?« Die Heranwachsende starrt Leamis an. Ruckartig befreit sich das Weibchen aus dem Haltegriff eines Kriegers, rennt auf Leamis zu, Mah stößt mit einer Körperbewegung diese zu Boden. Leamis dreht sich ihr zu, ruft: »Schlagt sie.« Mit ihren Speeren schlagen die vier Krieger auf die schreiende Arbel ein.

 »Was ist das?«, brüllt Leamis die Heranwachsende erneut an, übertönt das Geschrei des Weibchens. Die Heranwachsende zerrt an ihren Armen, zeichnet mit ihrem Hacken in den Boden.

 »Binde sie los!«, sagt Leamis zu Nekan und »Hört auf« an die Krieger gewandt. Von ihren Fesseln gelöst, reißt die Heranwachsende sofort Grasbüschel aus, zeichnet mit den Fingern in den geglätteten Sand. Ein Strichmännchen und daneben eine Art Krokodil, viel größer als das Strichmännchen. Auf zwei Beinen, mit kurzen Vorderbeinen und einen großen Körper mit einem aufragenden Kamm auf dem Rücken. Schaut zu Leamis auf.

 »Daru, Daru.« Leamis wendet sich den vier Kriegern zu.

 »Schafft die beiden weg und fesselt sie wieder.«

 »Daru, Daru, Daru«, ruft die Heranwachsende noch aus der Entfernung und die Krieger sie fortschaffen.

 »Was ist das?«, fragt Arrom, betrachtet die Linien im Sand. Einen langen Augenblick verharren alle in ihren Gedanken.

 »Ich kenne alte Sagen«, bricht Leamis das Schweigen, »früher haben die alten Frauen davon erzählt. Alte Sagen mit Geschöpfen aus längst vergangenen Tagen. Als kleines Kind hörte ich davon. Die alten Frauen nannten sie nicht Daru, sondern Weihnarba, unglaublich groß, schrecklich und gefräßig. Wenn das wahr ist, dann kehrten die Weihnarba aus den alten Sagen zu uns zurück.«

 »Alte Sagen oder nicht, wir müssen herausfinden, was es ist und wo es ist«, sagt Arrom, langsam den Spuren folgend. Nekan und Domso schließen sich ihm an, lesen gemeinsam die viele Tage alten Spuren. Teilweise verwischt, durch die Größe und Tiefe der Spur noch deutlich zu erkennen. Leamis und Mah bleiben hinter den drei Kriegern zurück, folgen einer Spur, die parallel zu den Spuren der Arbel verläuft.

 »Hier, hier haben sie angehalten. Irgendetwas hat sie irritiert, sie haben etwas gesucht, die Spuren kreuzen sich und …«

 Nekan schaut auf, schaut in die Richtung, aus der sie kamen, der Spur der Arbel folgend. »Und sie haben die Richtung gewechselt.« Nekan zeigt mit seinem Speer weg von der Spur der Arbel. Domso verharrt für einen Augenblick, rennt los. Er weiß nur zu genau, was sich dort hinter dem Horizont befindet. Zuerst können Arrom und Nekan Domso noch folgen, doch je länger die Spuren der Weihnarba ihre Richtung beibehält, umso schneller rennt Domso. Arrom und Nekan lassen sich zurückfallen, bleiben bei Leamis, Mah und den langsameren Kriegern, führen in ihrer Mitte die durch die Astgabeln miteinander verbunden Arbel. Sie versuchen zuerst, Domso durch Rufe zurückzuhalten. Mit dem Untergang von Mutter Sonne, ist Domso außer Sichtweite. Leamis lässt das Nachtlager errichten, die Feuerstelle brennt, an der Leamis, Arrom, Mah und Nekan zusammensitzen.

 »Drei Krieger waren es, die die Arbel entdeckten«, sagt Leamis. Arrom schaut nach oben zu den Feuerstellen der Ahnen, sagt

 »Ja, vielleicht haben sie sich getrennt und zwei haben einen Umweg zum Fluss gemacht. Dann sind die Weihnarba der größeren Spur zum Fluss gefolgt. Wollen wir hoffen, dass sie die Weihnarba nicht doch noch zu ihrem Dorf führten.« Die Krieger schweigen, sind mit ihren Gedanken bei Domso und seinem Flamingo-Dorf.

 

*

 Drei Tage später erreichen Arrom und Nekan zuerst eine kleine Hügelkette, schauen von dort aus auf das Flamingo-Dorf. Eingebettet zwischen einigen Bäumen und den umgebenden Hügeln schlängelt sich das Flamingo-Dorf mit seinen fast einhundert Rundhütten an einem kleinen Fluss entlang. Dort ist es friedlich, zu friedlich. Der Wind trägt keine Stimmen, keinen Gesang und kein Lachen von Kindern zu ihnen. Leamis, Mah und die Krieger haben zu Arrom und Nekan aufgeschlossen, nähern sich gemeinsam über eine grasbewachsene Ebene dem Flamingo-Dorf.

 Sie finden den ersten Hinweis eines Kampfes weit vor dem Dorf, einen einzelnen Knochen eines Unterarms, an dem das wenige Fleisch in Fetzen hängt. Dem Dorf näherkommend, liegen weitere Knochen verstreut auf dem Boden. Dazwischen eine einzelne Hyäne, sie schaut kurz zu den Kriegern, trottet gemäßigt davon. Der Boden ist mit Spuren des Kampfes übersät, dazwischen die deutlichen Spuren der Weihnarba, groß und tief, im Abstand von vielen Schritten zu erkennen. Das Dorf, das vom Weiten friedlich aussah, zeichnen die Spuren eines Kampfes, mit halb zerstörten Hütten. Die Krieger bewegen sich vorsichtig durch ein stilles Dorf, über dem der Geruch des Todes hängt. Über die Reste fielen die Aasfresser her, sie verstreuten die Gebeine. Ein ganzes Dorf ist ausgelöscht, ein Verwesungsgeruch liegt in der Luft, das Summen von unzähligen Fliegen dringt in ihre Ohren. Nekan entdeckt an einer halb zerstörten Hütte Spuren, Domso war hier. Wen er auch suchte, er fand niemanden mehr. Nekan folgt der Spur von Domso, die führt ihn über den Fluss, aus dem Dorf hinaus. Hinauf in die Berge, in Richtung der Seen, an denen die Flamingos leben. Leamis steht hinter Nekan, gemeinsam folgen ihre Blicke der Spur von Domso.

 »Sollen wir ihm folgen, vielleicht kennt er ein Versteck mit Überlebenden?« Leamis wendet sich ab.

 »Nein, heute nicht mehr. Wir müssen die Toten zu den Ahnen schicken, sie warten schon zu lange.« Nekan folgt Leamis, zurück in das zerstörte Dorf.

 In weitem Umkreis um das Flamingo-Dorf sammeln die Krieger die verbliebenen Überreste der Kanis. Mit den hölzernen Resten des Dorfes schichten die Krieger einen Scheiterhaufen in der Mitte des Flamingo-Dorfes auf und dort wo sich der Dorfplatz befindet. Legen auf den höchsten Punkt des Scheiterhaufens die wenigen Überreste. Unter einem dunklen Himmel, vor dem Vater Mond und die Feuerstellen der Ahnen leuchten, umschließen die Krieger kreisförmig den Scheiterhaufen. Ihre nackten Körper bedeckt weiße Asche, halten jeweils einen Speer dicht an ihrer Seite. Bewegen im Rhythmus ihres Hüpftanzes ihre Köpfe vor und zurück, ein gedämpfter Trauerchor verlässt ihre geschlossenen Münder.

 

»Mmmhhh, mmmhh, mmmhh, ….«

 

 Ein wortloser leiderfüllter Ton, der den Frauen und ihren ungeborenen Kindern gilt und den Kindern, deren zukünftige Taten bereits der Vergangenheit angehören. Mit einer Fackel in der Hand tritt Leamis in den Kreis der Krieger. Bittet rufend, dass Vater Mond die Kanis des Flamingo-Dorfes aufnehme und zu den Ahnen geleitet. Leamis entzündet den Scheiterhaufen, schnell schlagen die Flammen hoch. Rauch und Funken steigen in den dunklen Himmel auf, ihrer Tradition folgend werfen die Krieger ihren Speer in die Flammen. Erfüllen zum letzten Mal diesen Ort mit der einstigen Dorfmitte, durch ihren Trauergesang zum Leben. Nie wieder errichten die Kanis an dieser Stelle eine Hütte oder lagern zukünftig auch nur für eine Nacht hier.

 Mit dem ersten roten Licht von Mutter Sonne brechen die Krieger auf, folgen der Spur von Domso über die ansteigenden Hügel und Täler. Bald vereint sich die Spur von Domso mit jenen der drei Weihnarba, folgen gemeinsam einer dritten Spur von flüchtenden Kanis. Die Krieger überschreiten einen Kamm, vor ihnen breitet sich ein weites Tal aus, an dessen Ende Rauch aus den zerklüfteten Bergen aufsteigt. Am Grund des Tals sitzt ein Krieger im kurzen Schatten eines einzelnen Baumes. Leamis, Arrom und Mah schreiten den Hang hinab, nähern sich Domso, setzen sich schweigend zu ihm. Ihre Blicke treffen sich nicht, sondern führen sie weit weg über das Tal hinaus bis hinter den Horizont. Ihr Schweigen hält lange an und die anderen Krieger mit den gefangenen Arbel oben auf dem Kamm verharren.

 »Sie versuchten, in der Höhle Zuflucht zu finden. Doch kurz davor holten die Weihnarba sie ein«, bricht Domso das Schweigen. Deutet damit an, was alle durch den Rauch am Horizont erahnten.

  »Wir werden sie aufspüren und töten«, sagt Leamis mit starrem Blick.

 »Ja, lasst uns sie jagen und töten«, ergänzt Mah.

 »Sie werden uns jagen und töten«, erwidert Arrom »Die Weihnarba sind die Jäger und wir ihre Beute. Wir sind wie Hasen für die Weihnarba, aber ein Hase ist nicht dumm. Er schlägt Haken und genauso müssen wir Haken schlagen. Nicht, um zu entkommen, sondern um sie in eine Falle zu locken und zu töten.« Arrom wendet seinen Blick Hilfe suchend an Domso, Leamis und Mah.

 »Wir haben noch die gefangenen Arbel«, ergänzt Leamis, wenden die Krieger sich einander zu.

 »Ja, wir locken sie in eine Falle. Wir töten sie oder verletzen sie so schwer, dass sie an ihren Wunden sterben. Domso, kennst du einen geeigneten Ort?« Domso schaut Arrom in die Augen.

 »Ich kenne einen Ort. Eine Schlucht mit nur einem Zugang und steilen Wänden.«

 »Das ist ein guter Ort«, stimmt Leamis zu.

 »Ein guter Ort, aber wir müssen auch Kantis informieren. Ein Meldeläufer muss sofort aufbrechen«, sagt Arrom.

 

 

 

 

 

 

Rozdział 5

Tödliche Begegnungen

 

Mabum schaut zurück, der junge Krieger ist nicht so groß wie Domso, aber mit schnellen kräftigen Beinen, die einen muskulösen Oberkörper tragen. Schaut mit seinen runden Augen von einer Passhöhe zwischen zwei Hügeln hinunter ins Tal, dort wo Domso die Krieger führt. Dicht hinter Domso folgt Leamis, der ihn beauftragte, Kantis zu informieren. Einst folgte Leamis seinem Vater als Hordenführer durch das Reich Mabel. Ein Arbel tötete seinen Vater und Leamis übernahm seine Oryx-Horde. Der Weg vom Flamingo-Dorf nach Kantis ist ihm vertraut, nach dem Tod seines Vaters nahm ihn seine Mutter oft mit in ihre Heimat, das einstige Flamingo-Dorf. Vor fünf Monden initiierte Mabum zum Krieger, seit diesem Tag folgt er dem Hordenführer Leamis, der schickt ihn jetzt zum ersten Mal fort. Mabum wendet sich ab, folgt dem Pass hinunter zur weiten Baumsavanne Richtung Kantis.

 

 In der Dämmerung führt Domso die Krieger in die beschriebene Schlucht, die hohen zerklüfteten Wände vermitteln Sicherheit, wirken gleichzeitig mit ihren weiten Schatten bedrohlich. Nur ein schmaler Zugang, gerade so breit, dass drei Elefanten nebeneinander durchgehen können, führt in die Schlucht. Nach dem Zugang weitet sich die Schlucht sofort auf eine Breite von sechs Speerwürfen. Nach einer Länge von zwölf Speerwürfen verengt sich die Schlucht auf die Breite des Zugangs, endet vor einer Steilwand. Am Rand der Schlucht liegen fast quadratische Felsblöcke, die bis zur Höhe eines Elefantenbullen heranreichen. Die Blöcke lösten sich einst aus der Steilwand und blieben dort liegen.

 Die Krieger schlagen am rauen Felsen der aufragenden Felsblöcke ihr Nachtlager auf. Mit Beginn der Morgendämmerung begeben sich die Oryx-Horde und die Pavian-Horde auf die Jagd, erlegen einige Tiere des Hochlandes. Arrom bleibt mit seiner Horde in der Schlucht, bereiten alles für die Ankunft der Weihnarba vor. Finden in einem kleinen, entfernten Bach Wasser, füllen ihre Wassersäcke auf. Fertigen zusätzliche Speere an, die mit breiten Steinklingen tiefe und breite Wunden reißen. Weitere sechs Krieger wuchten mithilfe von langen Stämmen einen schweren Felsbrocken in die Mitte der Schlucht.

 Kurz darauf hallen laute Klagerufe von den steilen Wänden wieder, die sechs Krieger zerren die beiden Arbel zu dem Felsbrocken in der Mitte der Schlucht. Ihre nach vorn gebundenen Hände binden die Krieger mit einem jeweils sechs Schritt langem Lederband an den Felsbrocken. Flehend schauen die beiden Arbel die Krieger an, davon ungerührt drücken die Krieger die wimmernden Arbel auf den Boden nieder, durchtrennen mit kurzen Schnitten die Sehnen ihrer Fersen. Kurz bevor die Schatten sich mit der Dunkelheit vereinen, kehren die Oryx-Horde und Pavian-Horde von einer erfolgreichen Jagd in die Schlucht zurück. Erlegten graubraune Steinböcke, die große Bergnyala-Antilope und graue Wildesel. Sechs Feuerstellen lodern in der Schlucht, an denen die Krieger einen Teil der Jagdbeute verzehren. Für die Nacht bleiben nur zwei Feuerstellen brennen, eine zwischen den schlafenden Kriegern und eine an dem schmalen Zugang, wo wechselnde Krieger Wache halten.

 

 Mabum schaut nach vorn auf seinen langen Schatten, eilt diesem hinterher. Im Laufe des Tages holt sein Schatten ihn ein, lässt ihn hinter sich. Gleichmäßig atmend, der erste Schweiß fließt über seinen Körper. Er verbrachte die letzte Nacht auf einem Baum, belauert von hungrig lachenden Hyänen. Doch die nachtaktiven Tiere greifen tagsüber nicht an, es sei denn, sie entdecken eine sterbende oder verletzte Beute.

 Erneut schaut Mabum auf seinen Schatten, erkennt in dem Winkel seiner Augen einen weiteren, größeren Schatten neben seinem eigenen. Er atmet vor Schreck tief ein, rohe Gewalt reißt ihn zu Boden, in seinen Nacken bohren sich gewaltige Fangzähne.

 Mit Leichtigkeit trägt ein gewaltiger Schädel Mabums leblosen Körper in den Schatten eines nahen Baumes. Sie sind selten geworden, die Säbelzahnkatzen, noch gibt es einige von ihnen und leises Fauchen nähert sich aus einem nahen Gebüsch dem schattigen Baum.

 

 Zur selben Zeit, weit entfernt in der Schlucht, teilt Leamis zehn Gruppen mit jeweils drei Kriegern ein. Sie bewegen sich fächerförmig vom Eingang der Schlucht weg zum nahen Wald und in die Hochebene, legen eine Spur aus Blut und Kadavern.

 

 Domso schaut über den Fluss auf das andere Ufer, dorthin wo der Wald beginnt. Watet nach kurzem Zögern weiter, Wasser umspült seine Beine bis zu den Knien.

 »Domso, nur bis zum Fluss, wir müssen umkehren«, ruft Batech, ein junger, mutiger Krieger. Er ist der Kleinste seiner Pavian-Horde, seit seiner Kindheit mit großem Mut. Daher kommt die dicke Narbe auf seiner Wange, beginnend unterm rechten Auge, sie führt bis zu den Kieferknochen. Auf seiner ersten Jagd als Murran befürchtete er, eine mit dem Tode kämpfende Kuhantilope könne sich aufrichten, die Flucht ergreifen. Er packte das Tier bei den Hörnern, mit einer letzten ruckartigen Kopfbewegung riss sich das Tier von Batech los, fügte ihm die Wunde auf der Wange zu. Im selben Augenblick war der Todeskampf vorbei.

 »Kommt, lasst uns weitergehen, damit die Weihnarba auf jeden Fall unsere Fährte finden und wir sie noch heute töten können«, ruft Domso winkend, vom anderen Ufer. Wartet die Antwort nicht ab, verschwindet im Wald. Hanors, der Dritte im Bund, fühlt sich an seiner Ehre gepackt, folgt Domso in den Fluss. Sein Körper bewegt sich nicht so geschmeidig wie die der anderen beiden Krieger, seine Bewegungen wirken ein wenig abgehackt und hektisch. Mit konzentriertem Blick, bemüht das Richtige zu tun, erscheinen seine Wangen noch eingefallener. Batech zögert, nicht aus Angst, er hat gelernt, unnötige Risiken zu meiden. Batech sieht Domso nicht mehr, Hanors erreicht das andere Ufer. Batech folgt in den Fluss hinein.

 Das Rauschen des Flusses ist verstummt, Vogelgesänge erfüllen die Baumwipfel. Leise bewegen sich die drei Krieger in dem halbimmergrünen Wald vorwärts. Domso führt als Einziger die Reste eines Steinbock-Kadavers mit sich, Vorder- und Hinterläufe abgetrennt. Schneidet mit seinem Steindolch den Kopf vom Rumpf ab, hält ein Horn am ausgestreckten Arm, streicht das Blut über die Pflanzen. Lässt nach einer Weile den ausgebluteten Kopf fallen. Domso greift den Rumpf von seinen Schultern, schneidet ihn mit seinem Steinmesser auf. Bewegt ruckartig seinen Kopf, starrt auf einen großen weißen Vogel mit rotem Schnabel, der steigt mit schlagenden Flügeln aus dem Busch vor ihm auf. Die Gesichtszüge seines länglichen Gesichtes entspannen sich, er wendet sich dem Rumpf zu, ein Krachen lässt ihn wieder aufschauen. Etwas Schweres und Großes bricht mit Krachen durch die Blätter. Er sieht im nächsten Augenblick zwischen den grünen Blättern einen der Weihnarba, mit weit aufgerissenem Maul auf ihn zurasen. Sein krokodilähnlicher langer Schädel neigt sich nach vorne, der lange Schwanz zeigt ausgleichend nach hinten. Dazwischen wölbt sich auf dem gewaltigen Rumpf ein halbrunder Kamm, kriegerhoch und dunkelrot leuchtend. Domso schaut auf seine drei Speere, die liegen neben ihm am Boden, zum Greifen ist es zu spät. Der Kopf des Weihnarba kippt zur Seite, Domso schreit auf, das scharfe Gebiss mit den gewaltigen Zähnen bohrt sich in seinen Unterleib. Die lange Schnauze wirft Domso zu Boden, mit einer Hakenklaue seiner kürzeren Vorderbeine bricht der Weihnarba Domso das Genick. Erstarrt stehen Batech und Hanors in einigen Schritten Entfernung, noch nie stand ihnen derart Großes gegenüber. Sie schleudern ihre Speere, stehen zu weit weg, die Speere dringen in die feste Haut des Weihnarba nicht ein. Erneut rascheln Blätter und Äste krachen, zwei weitere Weihnarba folgen aus dem Busch. Batech und Hanors werfen den Weihnarbas ihre Speere entgegen, wirkungslos bleiben sie im kleinen Weihnarba hängen. Für einen zweiten Speerwurf bleiben Batech und Hanors keine Zeit, die Weihnarba nähern sich mit ihren langen Hinterbeinen. Batech richtet seinen Speer gegen einen der Weihnarba von der Länge zweier Elefanten, der zögert einen Augenblick, zieht mit dem spitzen Ruf eines Raubvogels seinen Kopf zurück. Der kleinste der drei Weihnarba kommt von schräg hinten, packt Batech mit spitzen Zähnen in einem kräftigen Unterkiefer. Hanors rennt durch die Büsche, zurück zum Fluss. Unter dumpfem Dröhnen nähert sich das Geräusch knackenden Holzes bedrohlich. Das letzte Geräusch, das Hanors hört, ist ein spitzer Ruf wie der eines Raubvogels.

 

 

 

 

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